FATIMA - oder die Völkerwanderung

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Hetz über den Herrmannskogel
Am Ende herrscht kurz absolute Stille. Und diese segensreiche Ruhe zwischen den drei endzeitlich geprägten Gegenspielergestalten hat die Macht zur Einswerdung.
Also: Goschn, wenn ihr euch einigen wollt. Dieses pessimistische Schlussergebnis liefert Fatima oder die Völkerwanderung, ein Stück, das die Existenzbedingungen des Andersseins abspult.
Der Hermannskogel ist das Ziel des Zweimannpöbels Fredl (Martin Oberhauser) und Walter (Paul König). Gemeinsam haben sie das Billigjoggingoutfit und ihre Grundbedrohlichkeit: Verirrt, verfolgt oder auf der Jagd - jedenfalls völlig überspannt brüllen sie sich Wirgefühl zu. In diese Zweisamkeit platzt mit der Schwarzen Fatima (Melanie Waldbauer) eine Emotionsmaschinerie, einmal Notrufseelsorgerin, dann Callgirl, Rassismus- oder Gewaltopfer. Autor und Regisseur Karl Wozek unterschlägt konsequent den Bedeutung wie Bedauern stiftenden Handlungskontext, seine Schauspieler wirbeln die Summe an Realitässplitter auf. Auch wenn sie zeitweillig grob gezeichnet bleiben: Ein Abend in Beckett-Atmosphäre, im Baudrillard´schen Sinn gelungen.

Bettina Hagen
  
Fatima oder die Völkerwanderung
Im neuen Stück von Karl Wozek treffen zwei Urwiener in einer Art Endzeitparabel auf eine geballte Ladung ihrer Ängste. Die beiden Protagonisten - würdig verkörpert von Martin Oberhauser und Paul König in billigen Jogginganzügen - erscheinen gehetzt von ihrem schlechten Gewissen abwechselnd grausam und bemitleidenswert. Sie wirken gefangen in ebenso sinnlosen wie brutalen Männlichkeitsritualen, als die letzten Überlebenden ihrer Art beharren sie auf ihrer Einzigartigkeit und Überlegenheit mit leeren und wütend gedroschenen Floskeln des Fremdenhasses. Als die beiden Männer auf dem Hermannskogel einer Frau begegnen, die mir ihrer dunkeln Hautfarbe all das verkörpert, was ihnen fremd ist, beginnt eine Reigen an grausam existenziellen Duellen. Melanie Waldbauer als Fatima ist mit ihrer kräftigen Stimme lautes Opfer und gnadenlose Anklägerin zugleich. Bei so viel bedeutungsschwerem Inhalt kommt die Handlung ein wenig zu kurz. Jedenfalls lässt Wozek das goldene Wienerherz ordentlich grühen. 

Peter Langer
 
STARKES STÜCK
/ Das TheaterEISbrecher zeigte Karls Wozeks "Fatima oder die Völkerwanderung" im Brucker Stadttheater.

Beim Namen nennen
Ein paar Buchen- und Birkenäste und ein Wegweiser zur Habsburgwarte verwandelten die Bühne des Bruckner Stadttheaters am Wochenende in ein Stück Wienerwald. Dort begegnen uns Walter und Franz, zwei verwirrte, etwas verängstigte junge Männer in Turnschuhen und Jogginganzug. Zwei "echte Wiener" mit ruppigem Schmäh, auch irgendwie herzig. Die beiden sind auf der Flucht aus dem von Ausländern überschwemmten Wien. Voll Angst vor der dunkelhäutigen Bedrohung überlegen sie, wie es nun weitergehen soll.
Dabei entpuppt sich das goldene Wienerherz zunehmend als Mördergrube voll ängstlichem Hass auf alles Fremde. Letzter Rettungsanker in dieser Situation ist die Besinnung auf die Größe der Monarchie, die in Schlachtenbummlermanier besungen wird. Paul König und Martin Oberhauser pendeln in ihren Rollen grandios zwischen Jammern und Johlen.
Bald taucht eine selbstbewusste afrikanische Geschäftsfrau, gespielt von Melanie Waldbauer, auf. Autor Karl Wozek lässt unsere beiden "Helden" und die Zuschauer im Ungewissen, ob diese Frau real ist oder nicht. Walter und Franz sehen in ihr aber immer deutlicher den wiedergekehrten Geist eines Mädchens, das sie vergewaltigt und getötet haben. Noch einmal ermorden sie die Ermordete, um nicht mehr an ihre Schuld erinnert zu werden. Ein untauglicher Versuch. Am Ende stürzen die beiden Männer in ein selbstzerstörerisches Delirium und erst ganz am Schluss, in einer Art Jenseits-Szene, stellt einer von ihnen die Frage, die sonst ganz am Anfang steht: "Wie heißt du?" "Fatima."