Ein Kind unserer Zeit
Michaela Mottinger / 4.12.2009
EIN HORVÁTH-ABEND MIT HERZBLUT UND HIRN
Zu Beginn ist sie auf Video zu sehen. Die Operation am offenen Herzen. Doch die Kugel steckt, daran ist nicht zu ändern. Und
in der Kugel stecken die Zweifel. Am System.
Das theater.wozek zeigt als Gastspiel im Wiener TAG seine Dramatisierung des Horváth-Romans "Ein Kind unserer Zeit". Regisseur Karl Wozek holt Horváth nah ans Heute, diese Geschichte vom
Arbeitslosen, der in den Krieg zieht, mit Rechts liebäugelt und zum Schluss als Krüppel erfriert. Wozek lässt die Darsteller Charly Vozenilek, Barbara Sotelsek und Martin Oberhauser die Vorlage teils
spielen, teils lesen. Er entkernt sie aufs Wesentliche. Da werden Soundeffekte (Sirenengeheul) ins Mikrofon geplärrt und Schauspieler zu Maschinengewehren. Mit Golf-kriegs-schlägern stellen sie sich
zum Abschlag auf. Eigenltich: zum Einschlag. Der Bomben. Eine berührende, kluge Produktion. Kann man über Theater was Schöneres sagen?
Stefan Mayer / 5.12.2009
EMPFÄNGLICH FÜR RADIKALES
Die Theatergruppe theater.wozek bringt Horváths "Ein Kind unserer Zeit" im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) auf die Bühne.
Ein zorniger junger Mann, der seinen Vater verachtet und für einen Feigling hält, hat genung von Armut und Arbeitslosigkeit und meldet sich freiwillig zur Armee. Seine verschämten Versuche, sich
einer jungen Dame zu nähern, scheitern, was ihn noch härter und empfänglicher für radikale Unnachgiebigkeit macht.
Voll jungendlicher Begeisterung versagt er sich fortan das Denken und Fühlen und liefert sich seinem Vaterland aus, dem Gehorsam, dem faschistoiden Drill: "Wir kämpfen für das Gute, für das Volk, für
den Frieden."
Ein neuer Krieg, größer noch und brutaler als jener der Väter, soll die "säubern von dem organisierten Untermenschentum" - so sagt es das Vaterland, so glaubt es der junge zornige Mann (Charly
Vozenilek).
Vozenileks Spiel und das seiner beiden Kollegen, Barbara Sotelsek und Martin Oberhauser, die in ständig wechselnden Rollen zu sehen sind, ist derart unmittelbar, dass Rohheit und Brutalität dem
Zuschauer in manchen Momenten fast physisch erlebbar ins Gesicht geschleudert werden. Ebenso das Grauen, das schließlich im Krieg über den jungen Mann hereinbricht. Dabei ist das Bühnenbild auf
wenige kistenartige Blöcke, ein paar Glasscheiben seitlich und hinter der Bühne und ein Mikrofon reduziert - mit einfachsten Mitteln, rafiniert eingesetzt, erzielt das Schaupiel-Trio größtmögliche
Effekte. Das Mikrofon etwas, rhythmisch gegen die Stirn eines Darstellers geklopft, unterlegt das Spiel der anderen mit hörbarem Herzschlag; der Kugelhagel, in dem der junge Mann beim Versuch, den
Hauptmann zu retten, seinen Arm verliert, wird durch Einsatz von stroboskopischem Licht aufwühlend inszeniert.
Mit zeitgemäßer Musik und aktuellen Attributen - als Uniform dient ein Fußballdress - übersetzt Regisseur Karl Wozek den Stoff in ein zeitloses Jetzt. Damit macht er klar: Es handelt sich um ein Kind
auch unserer Zeit, auch heute gibt es wieder genug zornige junge Männer - arbeitslos und empfänglich für Radikales.
Willkommen bei theater.wozek
